Verkehr

Ist der Gentleman als Radler ausgestorben?

Bereits letzten Herbst habe ich mir über dieses Thema einige Gedanken gemacht. Wenn man täglich mit dem Rad größere Strecken zur Arbeit fährt, bleibt in der Routine doch etwas Höflichkeit auf der Strecke. Gern möchte ich eine kleine Debatte dazu anstoßen, ob man die Kultur des Radfahrens nicht auch im Alltag etwas positiver gestalten kann.

Wie bin ich auf das Thema gekommen?

Jeder, der mal bei einem Tweet-Run dabei war, wird meine Beweggründe gut verstehen. Bei einer solchen Ausfahrt geht es nicht um das Ziel. Es geht darum, mit welcher Art und Weise sowie mit wem man dieses Ziel erreicht. Es geht um das entspannte Radeln in angenehmer Gesellschaft. Das muss keineswegs im Schritttempo passieren, aber dennoch nur so speditiv, dass keiner ins Schwitzen kommt. Wenn es sich ergibt oder auch gern geplant, wird ein kleines Picknick auf der Wiese eingelegt. Bei anderen Tagestouren habe ich es mir angewöhnt eine schöne Brotzeit mit einem entspannten Radler-Getränk einzubauen. Als Beilage ein interessantes Gespräch mit dem Nachbartisch.

Jeden, der sich mehr für dieses Thema interessiert empfehle ich diesen Artikel aus dem Berliner Tagesspiegel.

Wieder zurück in der grauen Realität sieht das aber ganz anders aus. Im Sommer wird Berlin förmlich von Radfahrern überschwemmt und im Winter sind nur die hartgesotten Radler unterwegs. Das Spannende ist, dass die Jahreszeit „fast“ keinen Einfluss auf das Verhalten hat. Wird doch Radfahrern ein meist soziales Wesen zugesprochen, ist das in Großstädten nur schwer erkennbar. Man wurschtelt sich so durch. Die schnellen Pendler und die langsamen Gelegenheitsradler finden jeweils ihre Nischen. Noch distanzierter ist man allerdings zu anderen Verkehrsteilnehmern. Damit meine ich Fußgänger und Autofahrer. Die einen berufen sich auf allgemeine Regeln und die anderen ziehen ihren Ego-Trip konsequent durch.

Was macht eigentlich einen Gentleman aus?

In einem Interview antwortete Bernhard Rötzel, dessen Buch „Der Gentleman“ in 18 Sprachen übersetzt wurde.

„Mit der ursprünglichen Bedeutung, die das Wort im 18. und 19. Jahrhundert in seinem Ursprungsland hatte, kann heute kaum noch jemand etwas anfangen. Für mich ist ein Gentleman jemand, der höflich ist und der sich in jeder Gesellschaft sicher bewegt.“

Bernhard Rötzel
https://www.baronsandbastards.com/interview-mit-bernhard-roetzel/

Dem schließe ich mich gern an. Nicht jeder muss sich wie beim Tweet-Run als Dandy kleiden und dann rauf auf sein Rad. Es geht vielmehr um Kultur und Höflichkeit. Man sollte sich souverän im Alltag bewegen. Mit anderen Menschen interagieren und nicht jede Sekunde zählen. Ein wenig wie Phileas Fogg aus dem Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ von Jules Verne. Er hat einen wirklich straffen Zeitplan auf seiner ungewissen Reise. Dennoch nimmt er sich regelmäßig Zeit für eigene Rituale und Höflichkeiten anderen Menschen gegenüber. Schauen wir doch mal, was Wikipedia dazu sagt. Hier stützt man sich auf einzelne Themenbereiche: Adel, Bildung, Charakter, Beschäftigung, Kleidung und Lebenskunst. Für mich persönlich stehen folge Punkte im Mittelpunkt: gute Bildung, ein ausgeglichener Charakter, die erfüllende Beschäftigung und am Ende gern gute Kleidung.

Gilt das nur für Männer?

Quelle: https://pixabay.com/de/photos/radfahrer-ruhend-fahrrad-silhouette-1107345/

Das Thema betrifft gewiss nicht nur Männer. Die charakterlichen Grundzüge eines Gentleman passen genau so zu Frauen. Gelassenheit und Souveränität sind hier ebenso wichtig. In vielen Studien zeigt sich, was der Volksmund bereits bestätigt. Frauen haben oft ein sozialeres Wesen als Männer. Guten Geschmack bei der Kleidung gehört ebenfalls für viele Frauen dazu. Hier unterscheidet sich allerdings die Spreu von Weisen. Gute Kleidung beinhaltet auch Qualität, die man auf dem Shopping-Meilen vieler Großstädte nicht findet.

Was können wir ändern?

Entsprechend der Philosophie eines „Gentleman“ sollten Radler wesentlich gelassener sein. Nicht auf jede Sekunde und Vorfahrt pochen. Damit meine ich gewiss keine Gefahrensituationen. Diese habe ich täglich zu Hauf. Wenn man sieht, dass jemand Hilfe benötigt, ruhig anhalten und diese anbieten. Ein vorausschauender Radler rollt nicht kompromisslos bis zur roten Ampel sondern lässt andere Verkehrsteilnehmer entspannt über die Straße gehen oder eben einen PKW in Ruhe ausparken. Ein Gentleman vergleicht sich auch nicht mit anderen und setzt keine Dankbarkeit für seine Handlungen voraus.

Auch das Verhalten zwischen Radfahrern kann viel entspannter sein. Wenn man sich etwas Zeit lässt, dann muss man den Weg anderer Radfahrer nicht gefährlich schneiden. Ich ertappe mich immer wieder bei innerlicher Resignation, wenn ich Radler bei ihrem egoistischen Schauspiel zwischen Straße und Gehweg wechseln sehe. Hier hilft wirklich enorm: „vergleiche dich nicht mit anderen“.

Ich bin sehr gespannt, was ihr von diesem Thema haltet. Schreibt mir eure Meinung dazu in die Kommentare.

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