Straßen-Szene mit Fußgängern, Autos und Bussen
Verkehr

So rettet man Menschenleben beim Überholen

Erst heute früh war ich wieder in der Situation, wie ich sie mehrfach täglich auf  einem Arbeitsweg erlebe oder beobachte. Vielen ist es nicht bewusst, aber nur wenige Zentimeter entscheiden über Leben oder Tod. Obwohl sie Radfahrer häufig erleben ist es erstaunlich, wie viele diesen Abstand regelmäßig absichtlich selber unterschreiten.

Wieviel Platz muss eigentlich jedes Fahrzeug lassen?

Direktionsleiter Martin Lotz und ADFC-Vorstand Christoph Schmidt zeigen reale 1,5 Meter Abstand. Quelle: https://adfc-blog.de

Kurz erklärt

Der ADFC Blog hat die wichtigsten Punkt sehr gut erklärt. Wie man sich denken kann: ist der Mindestabstand nicht möglich, dann kann nicht überholt werden. Grundsätzlich ist für alle Verkehrsteilnehmern ein ausreichender Sicherheitsabstand einzuhalten. So werden Gefahren vermieden.

Innerorts müssen Kraftfahrzeuge mindestens 1,5 Meter Abstand zu Radfahrenden halten.

Außerorts und bei Geschwindigkeiten über 50 km/h sind 2 Meter Abstand erforderlich.

Auch beim Überholen von Kindern oder Eltern mit Kindern sind 2 Meter einzuhalten.

Ebenso müssen Lkw und Busse 2 Meter Abstand einhalten.

Und natürlich sollten es an Steigungen auch mindestens 2 Meter sein.

Aus meinem Alltag weiss ich, dass LKWs grundsätzlich keine 2 Meter einhalten. Dafür müssten Sie eigentlich komplett die Fahrspur wechseln.

Wie fühlt es sich an?

…mit weniger als 30cm Abstand überholt zu werden?

Es ist für Autofahrer vergleichbar mit einem Abgedrängt Werden, bei dem man irgendwann extrem stark bremsen muss. Das Fahrzeug taucht plötzlich links neben einem auf. Je nach Distanz und Geschwindigkeit erschreckt man sich ganz ordentlich. Besonders extrem sind PKW- oder Transporter-Fahrer, die unbedingt nicht über den Mittelstreifen fahren wollen. Dabei unterschätzen sie stark ihre Fahrzeugbreite. Je nach Fahrzeuggröße entsteht sogar ein gefährlicher Luftstrom. Viele PKW-Fahrer kennen das von der Autobahn.

Eine weitere Gefahr stellt das frühe Zurückfahren in die alte Spur. Vermutlich unterschätzen betreffende Transporter- und LKW Fahrer die Geschwindigkeit des Radfahrers. Nicht jeder Radler fährt mit 10 km/h auf der Straße.

Der Schreck ist vergleichbar mit dem eines Fußgängers, der von einem Radfahrer unvermittelt mit hoher Geschwindigkeit auf dem Gehweg überholt wird. Nach dem Schreck kommt der Zwang unbedingt reagieren zu müssen, um Weiteres zu verhindern. Bei einem richtigen Zusammenstoß zwischen Fußgänger und Radfahrer riskieren beide hohe Verletzungen. Auf der Straße hat nur einer das volle Risiko.

Warum ist es vielen nicht bewusst?

Auch ich verstehe die Schwierigkeit als PKW-Fahrer sehr genau. Besonders im Großstadtverkehr gibt es viel Hektick und besonders die Kennzeichnungen sind vielerorts unklar. Der öffentliche Raum ist noch zu stark auf Kraftfahrzeuge allein ausgelegt. Abseits der großen Hauptverkehrsstraßen ist einfach wenig Platz. Der ein oder andere ist beim Führen seines Fahrzeugs schlicht überfordert oder nur unzureichend qualifiziert. Das klingt provokativ, aber seien wir mal ehrlich: der Aussage werden auch viele Autofahrer zustimmen. Besonders, wenn ihnen fast der Außenspiegel abgefahren wird oder sie auf dem Motorrad die gleiche Situation erleiden.

Im ersten Moment denkt man immer, dass sich der Autofahrer doch denken kann, dass es gefährlich ist. Allerdings erkennen viele diese Situation schlicht nicht. Es ist wirklich erstaunlich, bei wie vielen in meinem Bekanntenkreis ein Umdenken stattgefunden hat, als sie in ihrer Freizeit auf das Fahrrad umgestiegen sind. Da sie diese Ausnahmesituationen regelmäßig erleben, ist ihnen dieser Mindestabstand heilig.

Aber was ist mit der Fahrschule? Den Mindestabstand sollte doch jeder kennen? Dem ist eigentlich so. Mehrere Stichproben in Foren und Faktensammlungen für die Führerscheinprüfung enthalten alle den Mindestabstand von 1,5m. Häufig bezeichnet mit „Seitenabstand beim Überholen“. Es scheint also wirklich relevant zu sein. Warum tun sich trotzdem so viele schwer damit? Bloße Boshaftigkeit schließe ich konsequent aus. Sicher, es gibt Leute, die mit einem verletzten Ego auch noch andere Maßregeln wollen. Das ist glücklicherweise eine Ausnahme.

Schreibt mir bitte in die Kommentare, was ihr dazu denkt.

Gilt der Mindestabstand nach rechts nur für Autofahrer?

Nein, der Mindestabstand gilt nicht nur für PKWs und LKWs. Auch Radfahrer haben diesen zu beachten. Das sollten sie allein schon aus Selbstschutz tun. Jedes Jahr kommt es zu zahlreichen Dooring-Opfern im deutschen Straßenverkehr. Im vergangenen Jahr gab es allein in Berlin 525 Verletzte und sogar 2 Tote. Viele Unfälle könnten vermieden werden, wenn man den Mindestabstand nach rechts einhält. Ebenso verhält es sich mit plötzlich auf die Fahrbahn tretenden Fußgängern. Ein entsprechender Abstand verschafft euch ausreichend Reaktionszeit und Platz zum Ausweichen.

Täglich sehe ich, dass dieser Mindestabstand durch absolut unrealistische Fahrbahnmarkierungen nicht einzuhalten ist. Dabei wird der Radfahrer regelrecht genötigt, auf die nächste Fahrspur auszuweichen. Ein gutes Beispiel sind die Parkplätze auf der Marschallbrücke in Berlin.

Quelle: Google Streetview

Da die PKW-Parkplätze so schmal sind, ist der kleine Radstreifen eigentlich das richtig Maß für den Mindestabstand. Praktisch richtig verhält sich der Radfahrer, der auf der PKW-Spur fährt.

Auch nicht zu vernachlässigen: der Mindestabstand gilt auch bei Radfahrern, die sich gegenseitig überholen und dann auch nach links. Das ist echt gefährlich für den Überholten und den Überholenden. Die möglichen Verletzungen bei einem kurzen Schlenker kann sich jeder ausmalen. Der Vormittag ist bei einem verpatzen Arbeitsweg ebenfalls hin.

Was kann man nun besser machen?

Als regelmäßiger Radfahrer muss ich ganz klar sagen: „haltet selber den Seitenabstand ein!“. Besonders bei Fahrten auf der Straße bewegt ihr euch besser im mittleren Drittel der Fahrbahn. Bei den vielen Parkern in der zweiten Reihe, spielt das vollständige Überholen eines Radfahrers keine große Rolle mehr. Sollte es dann noch immer zu einer Unterschreitung des Mindestabstand kommen, habt ihr genug Platz auf der eurer rechten Seite.

Eine weitere Lösung sind richtige Fahrbahnmarkierungen und die entsprechende Signalisation. Gut markierte Radwege und Bussstreifen sorgen für Besserung. Die Gefahren entfallen nicht gänzlich, aber sind meiner Erfahrung nach seltener. Von Pollern zur Abgrenzung halte ich nicht viel, weil diese im Ernstfall echte Probleme verursachen. Beispielsweise bei einem Rettungseinsatz, wo die Autofahrer nicht mehr einfach an die Seite fahren können.

Es handelt sich hier um ein kontroverses Thema, das eigentlich ganz simpel ist. 1,5m Abstand in beide Richtungen und alle sind sicherer.

Schreibt mir in die Kommentare, was ihr davon haltet. Ich freue mich drauf.

5 Comments

  • Reply
    Bernd Schmitt
    Juni 30, 2018 at 8:07 pm

    Das Problem sind schmale Radwege und Schutzstreifen… da scheren die Autofahrer beim Überholen nicht nach links aus…

    • Reply
      velocityblog
      Juni 30, 2018 at 9:16 pm

      Da habe ich eher selten Probleme von links. Dort drängen mich schlecht geparkte Autos von rechts in den fließenden Verkehr.

  • Reply
    Berliner Fahrrad-Infrastruktur 1979 vs. 2018 - Velo City Blog
    Juli 14, 2018 at 9:04 pm

    […] Radfahrer wird ein Sicherheitsabstand von mindestens 1,50m empfohlen. Ich hatte bereits darüber berichtet. Laut StVO muss jeder Verkehrsteilnehmer mindestens 1,50m zu parkenden oder ruhenden Fahrzeuge […]

  • Reply
    Reiner
    Oktober 20, 2018 at 7:07 am

    Das Problem ist die Verkehrs-Infrastruktur in den Städten, die für Radverkehr einfach nicht ausgelegt ist. Die Radwege sind zu schmal für einen vernünftigen Mindestabstand zum Auto. Selbst Begegnungen von Radfahrern machen es notwendig, dass einer auf die Autospur ausweichen muss. Das ist immer gefährlich. Eigene Radrouten in den Städten wären die Lösung. Aber wo ist der Platz dazu da?

  • Reply
    5 Tipps für sicheres Radfahren im Herbst – Velo City Blog
    November 3, 2018 at 2:27 pm

    […] Über die vergangenen Jahre hat sich der Anteil der Radfahrer am Straßenverkehr stetig erhöht. Allein in Berlin hat der Radverkehr in 10 Jahren um 36 Prozentpunkte zugenommen. Jährlich gibt es einen großen Rückgang, wenn der Herbst naht. Dann sieht man nur noch den harten Kern der Radler auf der Straße. Das bemerken auch die anderen Verkehrsteilnehmer und gewöhnen sich schnell an diesen Platzgewinn. Mache nun nicht den Fehler, dich von anderen an den Fahrbahnrad verdrängen zu lassen. Nur, weil die großen Trauben von Radfahrern weg sind. Du bist auf deiner Strecke vermutlich allein unterwegs. Sei präsent und halte die entsprechenden Abstände ein. Zu Thema Mindestabstand habe ich bereits berichtet. […]

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